Vorhang zu!

Kurz und schmerzlos! Ich werde meine Spitzensportkarriere nach dem Ende dieser Saison beenden. Die Verletzungen der letzten beiden Jahren und der ständige finanzielle Kampf haben enorm viel Energie verbraucht und meine Motivation langsam aber stetig aufgefressen. Dies ist für mich kein einfacher Entscheid, aber ich bin überzeugt es ist der Richtige.  Die detaillierten Gründe über meinen Rücktritt findet man in diesem Artikel.

Verletzungen

In meiner Karriere war ich immer wieder verletzt. Auch in diesem Moment laboriere ich an einer hartnäckigen Verletzung an der Hüfte. Die letzten beiden Jahre waren dabei der negative Höhepunkt. Zwei Operationen, 14 Monate lang ununterbrochen Physiotherapie und von sechs Trainingslagern mit dem Nationalkader, konnte ich an deren vier nicht teilnehmen, oder nur ein beschränktes Programm absolvieren. Insbesondere die lange Rehabilitationsphase nach meiner Fussoperation machte mir zu schaffen. Ich musste das Comeback nach dieser Verletzung dreimal verschieben, was mental eine riesige Herausforderung war. Irgendwann in dieser Zeit habe ich mit mir selber ausgehandelt, dass ich ein letztes Mal alle Energie aufbringe, um wieder konkurrenzfähig zurückzukehren und mich dann Ende Jahr vom Spitzensport zurück ziehen werde. Dieser letzte Kampf wollte ich aber noch gewinnen!
Ich denke, dass ich nun getrost behaupten kann, dass ich diesen Kampf auch gewonnen habe. Ich kehrte nicht nur konkurrenzfähig zurück, sondern belohnte mich gleich mit einer super Sommer- und Herbstsaison, indem ich an der Swiss-O-Week auf dem zweiten Gesamtrang lief, an der Studenten-WM zwei Silbermedaillen ergatterte und mich an den Testläufen mit einem vierten und siebten Rang für das Welcupfinale in Aarau selektionieren konnte. Nun stellte sich die Frage, ob es nun wirklich der richtige Zeitpunkt ist, um meine Karriere zu beenden. Ich habe mir einige Gedanken gemacht und schlussendlich habe ich gespürt, dass sich für mich nicht sehr viel geändert hat. Mein Gefühl sagt mir, dass es Zeit ist einen Schlussstrich zu ziehen. Denn trotz der grossen Genugtuung durch diese tolle Resultate weiss ich nicht wann mich die nächste Verletzung heimsucht und es gibt auch noch weitere Gründe die mich davon abhalten den steinigen Weg des Spitzensportlers weiter zu gehen.

Aktuelle Situation

In den letzten beiden Jahren habe ich all mein Geld in den Spitzensport investiert. Zur gleichen Zeit habe ich an allen Ecken gespart und bin unter anderem wieder zu meinen Eltern gezogen. Ich arbeitete teilzeit in einem Radiologieinstitut als Hilfskraft. Die Dreifachbelastung zwischen Job, Studium und Spitzensport haben mich sehr stark beansprucht. So gab es oftmals die Situation, dass ich noch nach der Arbeit um 21h mich sinngemäss in die Laufschuhe prügeln musste, um meine zweite Trainingseinheit zu absolvieren. Das braucht viel Leidenschaft, Motivation und eine grosse Portion Ehrgeiz. Nun spüre ich, dass dies nicht mehr im nötigen Ausmass vorhanden ist. 

Fehlende Perspektiven

Die Aufnahme ins Elite B-Kader vor zwei Jahren war ein grosser Erfolg für mich. Es ist ein absoluter Sonderfall, wenn dies jemandem erst als 26-Jähriger gelingt. Und da liegt auch gleich das Problem. Als B-Kaderläufer hat man etwas mehr zu beissen. Man zahlt einen höheren Jahresbeitrag, erhält keine direkte Unterstützung von Swiss-Olympic, Sporthilfe etc., und hat verständlicherweise geringere Aussichten auf eine Selektion an internationale Anlässe. Dies soll unter keinen Umständen eine Kritik an diesem System sein. Denn ich bin ganz klar der Meinung, dass man sich den Status als A-Kaderläufer durch seine Resultate verdienen muss und dann auch Anrecht auf eine grosszügigere Unterstützung hat. Schliesslich sind dies auch die Aushängeschilder unserer Sportart und dank deren Erfolgen kann sich der Orientierungslauf in der Welt des Sports etwas Beachtung erkämpfen. Als 20-Jähriger hat man noch einige Jahre Zeit, um sich langsam und stetig an das A-Kader heran zu kämpfen. Diese Perspektive hilft, um die Jahre im B-Kader als Investition in die Zukunft zu sehen. Doch ich habe wohlgemerkt schon einige Jahre mehr auf dem Buckel. Realistisch betrachtet traue ich mir zu, dass ich mich innerhalb der nächsten beiden Jahren soweit entwickeln kann, dass ich an den Europameisterschaften im tessiner Gelände,  einen Platz rund um die Top 10 anstreben könnte. Das tönt eigentlich schon mal ziemlich gut. Doch im jetzigen Herrenteam wäre ich damit wohl etwa dritt- oder viertbester Schweizer. Und damit würde dieses Resultat ausserhalb meines Umfelds wohl keine grossen Reaktionen auslösen. Und einen Anspruch auf eine Aufnahme ins A-Kader hätte ich damit sicher auch nicht. Somit müsste ich mich darauf einstellen, dass sich an meiner bisherigen Situation wenig bis gar nichts ändert. Dafür bräuchte es wohl eine Medaille an einer Europa- respektive Weltmeisterschaft. Und auch mit sehr viel Optimismus kann ich ohne Groll sagen, dass mir dafür wohl einfach ein winzig kleines Stücken an Talent fehlt.

 Abschied ohne Wehmut

Ich habe die Zeit als Spitzensportler sehr genossen. Es gab immer wieder schwierige Phasen, aber ich werde enorm viele positive Erinnerungen mitnehmen. Ich bin dankbar dafür, dass ich durch den Sport sehr viel gelernt habe und viel herum reisen durfte (auch wenn ich eigentlich jeweils nur die Wälder von den vielen verschiedenen Ländern gesehen habe ;) ). Ebenfalls bin ich dankbar, dass es ganz viele Leute gab, welche mich unterstützt haben. Sei es Familienangehörige, Freunde, Trainingspartner, Trainer, Betreuer, Ärzte, Phyisos, Masseure und viele mehr. Speziell heraus heben möchte ich auch meine beiden OL-Clubs, OLV Baselland und Järla Orientering. Sie haben mich auch dann nicht hängen lassen, als ich in den ersten Elite-Jahren hartes Brot essen musste!
Die Zeit mit den Nationalteam werde ich sicher vermissen. Im Gegenzug freue ich mich darauf an den Wettkämpfen völlig ohne Druck zu laufen und die Freiheit zu haben das Warm-Up und Cool-Down auf ein Minimum zu beschränken. Nichtsdestotrotz werde ich mein Trainingspensum nicht per sofort einstellen. Es wird sicher deutlich reduziert werden, aber ich werde mich weiterhin nach Lust und Laune fit halten, damit ich bei den Staffelwettkämpfen weiterhin eine Unterstützung für meine Teamkameraden sein werde.

Hiermit verabschiede ich mich von der Bühne des Spitzensport und danke allen Beteiligten, welche mich auf diesem Weg begleiteten!

– Kaspar

 

One Comment

  1. Johannes
    10/20/2016
    Reply

    Hoi Kaspar
    Ich bin nur ein mittelmässiger HAL-Läufer, finde deine Worte zum Abschluss aber sackstark. Diese zeugen von deinem aussergewöhnlichen Charakter. Einfach Gratulation zu dieser offenen Ehrlichkeit, auch wenn ich dich nicht kenne :-).

    Gruess,
    Johannes

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.